“Hier kommt ein kleiner Tourist” – aka Reisen mit dem Superzwerg

Unser erstes Land liegt quasi hinter uns. Wir sitzen jetzt am Flughafen und warten auf den Abflug und es ist Zeit, mal in aller Ausführlichkeit über das Reisen mit dem Zwerg zu berichten.

Der Zwerg ist ja generell ein sehr pflegeleichtes Exemplar, so dass wir eigentlich keine große Sorgen hatten, aber er hat uns immer wieder verblüfft, wie gut er das Ganze mitmacht!

Kulturschock

Die ersten zwei Wochen waren für ihn nicht immer leicht. Ich glaube, am Meisten hat ihn geschockt, dass wir ihm auf die Frage “Und wann fahren wir wieder nach Hause?” nicht einen nachvollziehbaren kurzen Zeitraum nennen konnten.

Ohnehin war er gerade zu der Zeit in einer eher großen Klammerphase. Auch schon zu Hause. Wir hatten ein paar Kindergartenbesichtigungen hinter uns, wo er kaum von unserem Schoß wollte und beim eigentlich geliebten Kinderturnen brauchte er oft eine halbe Stunde, bevor er sich traute, mitzumachen.

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Die Phase kam recht plötzlich und unerwartet und war dann auf der Reise nochmal extrem potenziert. Ich war daher die ersten zwei Wochen bei allem Verständnis auch oft genervt, dass ich teilweise nicht mal eben zum Kühlschrank springen konnte, ohne ein jammerndes, klammerndes Kind an meinem Bein zu haben.

Mir war klar, dass das Ganze echt viel für ihn war und dass ihn die ständig wieder neuen fremden Umgebungen, die fremden Menschen, die nicht seine Sprache sprachen etc sehr einschüchterten, aber ich bin einfach kein Mensch für Freiheitsbeschränkung und war dadurch immer mal wieder gestresst.

Gedankenumstellung

Wie so oft in der Erziehung ist es am Einfachsten, wenn man nochmal ganz genau überlegt, woher gewisses Verhalten kommt.

Nachdem ich mir nochmal ganz in Ruhe klarmachte, wie schwierig und fremd das Ganze gerade für den Zwerg ist und dass er nun mal leider gerade wieder eine Mamaphase hat, wo nicht mal der Papa als Ersatz reicht, habe ich mein Tempo entschleunigt. Statt einfach mal eben in der großen Gemeinschaftsküche mit vielen fremden Menschen ans Waschbecken zu springen, habe ich dem Zwerg vorher gesagt, was gerade passiert und ihn gefragt, ob er mitkommen möchte.

Wenn ich mal ganz stark auf keinen Fall wollte, dass er mir hinterherläuft, habe ich ihn darauf vorbereitet, dass ich gleich gehe, wo genau das ist, dass ich gleich zurückkomme und dass ich alleine gehen möchte.

Das kostete mich etwas Disziplin, aber wie immer bei solchen Themen ist der Anfangsaufwand etwas höher, aber dann wird es viel einfacher.

Schon nach einem Tag merkte ich einen deutlichen Unterschied beim Zwerg. Es gab von Stund an kein panisches Angstgeheule mehr und er ließ mich immer öfter ohne Protest ganz alleine gehen oder entschied sich sogar immer mehr, von selber, an dem Platz zu bleiben, selbst wenn ich ihm anbot, mich zum Kühlschrank zu begleiten.

Und mir war wieder klar, dass man bei Erziehung echt nie auslernt. Wir wissen aus den letzten drei Jahren sehr gut, dass der Zwerg zu 98% kooperativ und einfach nur super ist – solange wir ihn nicht einfach mit unseren Ansprüchen überfahren, ihm ab und an auch mal Zeit lassen und ihm viel erklären. Aber es gibt immer wieder neue Situationen, an die ich mich erst gewöhnen muss und wo ich ungeduldig denke, dass das Kind doch bitte einfach mal funktionieren soll.

Selbständigkeit

Auf einmal legte der Zwerg dann eine Selbständigkeit an den Tag, die uns Beide überrumpelte. Seit dem Aufenthalt auf dem tollem Bauernhof A.K.Ranch, ist er so richtig im Reisen angekommen.

“Hier kommt ein kleiner Tourist!” rief er mal laut und rannte alleine auf den Spielplatz. Wenn wir in einer neuen Unterkunft ankommen, fragt er “Und wie viele Nächte haben wir hier gebucht?” und auf einmal spielt er wieder (und mehr als noch zu Hause) phantasievoll vor sich hinmurmeldn alleine vor sich hin- mit Steinen, Stöcken, Eiswürfeln, Muscheln, Haushaltsgeräten und und und.

Highlight ist für ihn allerdings immer noch, wenn wir unterwegs andere Kinder treffen. Am Liebsten mochte er dabei ein fast 5-jähriges Mädchen, welches wir in Kaikoura getroffen haben. Die Beiden haben echt ihren Meister ineinander gefunden – der Zwerg, der immer wieder sagt, dass er gerne eine Frau wäre und das Mädl, was gerne ein Junge wäre. Und Beide mit einem Bewegungsdrang, der Ihres Gleichen sucht!

So sassen der Traummann und ich mit der Mutter von Zwergs Freundin gemütlich zusammen, während die Beiden stundenlang (!) Fangen spielten, sich gegenseitig Gummibärchen schenkten (wer sagt noch, dass Einzelkinder nicht teilen können? Die Beiden haben sich lieber was geschenkt, als es selber gegessen!), sich im Wasser nass spritzten und sich darüber stritten, wer denn jetzt schneller war. downloadfile-221

Kooperation

Ich habe am Tag bestimmt 2-3 Momente, wo ich TIIIEFFFF durchatmen muss, weil der Zwerg mich nervt oder was macht, was mich auf die Palme bringt, aber mindestens gleich viele Momente am Tag, wo ich fast demütig dankbar bin, wie kooperativ und genügsam er ist.

Neulich waren wir zu zweit im Antarktikzentrum (der arme Traummann blieb mit Migräne zu Hause) und als wir Beide Hunger bekamen, mussten wir feststellen, dass noch 50 Teenies zur gleichen Zeit auf die Idee gekommen waren, in das einzige CafˋE im Zentrum zu gehen.

Wir mussten bestimmt eine halbe Stunde warten, bis wir überhaupt bestellen konnten und selbst ich wurde schon schlecht gelaunt (Hunger kann ich nie gut aushalten). Der Zwerg stand die ganze Zeit geduldig neben mir und wartete und feuerte seinen Fragenkatalog ab “Und wenn da jetzt keine lange Schlange wäre? Und wenn die Leute vor uns nicht essen wollen würden? Und wenn dann kein Essen mehr da ist? Und wenn sie doch mehr mehr mehr und mehr bestellen? Und wenn da keine lange Schlange wäre? Und wenn sie lange Schlange einfach weg wäre?” (ihr wisst, was ich meine 😉 )

Dann sagte er “Mir ist ein bißchen langweilig”, und guckte traurig durch die Gegend. Ich kramte ein Spielzeugauto aus dem Rucksack, welches er strahlend entgegennahm, mit ihm auf dem Tresen herumfuhr und verkündete “Jetzt ist mir nicht mehr langweilig!”

 

Gestern war ich dann etwas angeschlagen und legte mich hin. Der Zwerg brachte mir erst Ole, dann Pelle und dann noch drei selbstgemalte Bilder vorbei, bevor der Papa die Tür schließen durfte. Dann fragte er den Zwerg mit normaler Stimme etwas und dieser empört “Pscht, Papa, leise sein – die Mama will doch schlafen!!!!”

Zwei Minuten später hatte er das natürlich wieder vergessen, aber ich war trotzdem mega gerührt.

Und stolz darauf, wie toll er alles meistest und wie begeistert alle Leute von ihm sind, die wir so treffen.

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“You can be so proud of him!” sagte der Farmbesitzer, als wir noch seufzten, wie sehr er gerade klammert – “er wird mal ein großer Fußballspieler!” wird uns von allen Seiten versichert, wenn sie sehen, wie er mit dem Fußball umgeht “I never saw such a well behaved child!” murmelten die Leute hinter uns im Flugzeug. Und immer wieder wird über sein Sprachvermögen gestaunt “Gerade für einen Jungen! Die sind da doch oft langsamer!”

Wir saugen die Komplimente alle auf und können sie nur potenzieren – Zwerg, das Leben mit dir ist wunderschön und lustig und herausfordernd und lehrreich! Bleib so fröhlich und genügsam, so willensstark und so phantasievoll wie du bist!!

 

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